TAGUNGSRÜCKBLICK
Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde vom 25. bis zum 27.11.2025 am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Bielefeld die internationale Tagung Post-photographic Images. Generative Imaging Processes veranstaltet. Die Tagung gliederte sich in zwei Sektionen zu historischen und gegenwärtigen generativen Bildgebungsverfahren.
Die erste Sektion des Symposiums widmete sich der Transformation generativer Bildgebungsverfahren durch die sogenannte künstliche Intelligenz. In ihrer Einführung in das Symposium verfolgte Kirsten Wagner das Konzept des Postfotografischen nach, das sie sowohl über die Technikentwicklung als auch über einschlägige Ausstellungen und Publikationen zeitlich verortete. Sie entwarf gleichzeitig eine Genealogie des Generativen in den Künsten und skizzierte darüber die Kontexte und Filiationen dieses inzwischen zu einem Umbrella Term gewordenen Bildbegriffs. Die Keynote-Sprecherin Joanna Zylinska vom King’s College in London stellte einen Katalog an Bildeigenschaften auf, der digitale Fotografien und KI-generierte fotorealistische Bilder auf ontologische Weise von historischen Bildformen unterscheidet. Postfotografische Bilder erweisen sich dergestalt als generativ, interaktiv, animiert, verräumlicht, Welt entwerfend. Ohne die technik- und sozialkritische Betrachtung von Bild- und Textgeneratoren zu negieren, hob Joanna Zylinska auf die anthropologischen Dimensionen und Potenziale postfotografischer Bilder ab. An einen durch die Text- und Bildgeneratoren transformierten Bildbegriff schloss die Künstlerin und Wissenschaftlerin Rosemary Lee von der Universität Porto an. Sie reflektierte insbesondere den Bruch mit der Indexikalität des fotografischen Bildes. Mit ihren Bildbeispielen demonstrierte Lee darüber hinaus die surrealistischen Fiktionsformen KI-generierter Bilder. Die niederländische Künstlerin Rosa Menkman ging von physischen Objektsammlungen aus, um in ihre „glitch collection“ und das Problem der Bildauflösung einzuführen. Die hypertrophe Zirkulation digitaler Bildobjekte in den sozialen Medien und auf Videoplattformen geht mit einer ständigen Aneignung und Verfremdung dieser Bildobjekte einher, was sich an veränderten Dateiformaten, überschriebenen Dateien und verringerten Bildauflösungen zeigt. Yanai Toister von der Tampere Universität, Finnland, markierte in seinem Beitrag zur generativen Fotografie und zur generativen künstlichen Intelligenz einen essentiellen Unterschied zwischen den historischen und gegenwärtigen generativen Bildgebungsverfahren. Während Erstere – zu Hochzeiten der symbolischen KI – auf regelgeleiteten Verfahren der Bilderstellung basierten, gehen Letztere auf probabilistische mathematische Verfahren zurück. In der anschließenden Diskussion wurde eine Ausdehnung des Generativen auf alle Bildformen kritisch diskutiert. Selbst unter der Prämisse, dass jede physische Bildherstellung auf Regeln basiert und auch Instrumente oder Apparate voraussetzt, in welche ihrerseits regelhaftes Wissen eingeschrieben ist, bedeutete eine solch globale Ausdehnung des Generativen doch den Verlust einer Differenz zu anderen Bildformen und damit einer wesentlichen heuristischen Erkenntnisfunktion des Begriffs.
Der künstlerisch forschende Nachwuchswissenschaftler Matthias Grund führte, diese Sektion abschließend, in seine generativen bild- und objekthaften Arbeiten ein. Ergänzt wurde die auf das Bild und damit den Sehsinn fokussierte Tagung durch die Klangperformance des Soundkünstlers und Informatikers Till Bovermann von der HMTM München. Die Performance vermittelte die unsichtbare Infrastruktur von Datenverarbeitungsprozessen, indem sie die Geräusche, die von Servern bei der Datenverarbeitung erzeugt werden, hör- und körperlich spürbar machte.
In der historisch ausgerichteten Sektion ging Hans-Christian von Herrmann, TU Berlin, auf die generative Ästhetik Max Benses ein und zeichnete probabilistische Textgeneratoren von Andrej Markovs statistischer Analyse des Versromans Eugen Onegin, 1913, über die stochastischen Texte von Theo Lutz, 1957, bis in die Gegenwart hinein nach. In der Diskussion wurde unter anderem deutlich, dass Benses Erweiterung der Informationsästhetik zu einer generativen Ästhetik in einem unmittelbaren praxeologischen Zusammenhang mit den ersten Computergrafiken von Frieder Nake und Georg Nees steht. Die Kuratorin Franziska Kunze von der Modernen Pinakothek in München präsentierte die generative Fotografie, wie sie von Gottfried Jäger und anderen in den späten 1960er und 1970er Jahren unter Heranziehung von Benses Begriff der generativen Ästhetik in Bielefeld entwickelt worden ist. Der Beitrag Franziska Kunzes gab Einblick in die frühen generativen Arbeiten Jägers, erweiterte das Verständnis seiner Arbeiten aber auch um spätere, zum Teil interventionistische Arbeiten, bei denen weniger eine regelbasierte apparative Bildproduktion als die selbstreferentielle Materialität der Fotografie im Vordergrund stand. Die italienische Kuratorin Francesca Franco stellte die generativen Arbeiten des englischen Künstlers Ernest Edmonds vor. Edmonds selbst verwendete den Begriff des Generativen dabei erst in den 1980er Jahren und in Zusammenhang mit dem computeranimierten Bewegtbild. Zu Beginn der 1990er Jahre war Ernest Edmonds indessen wesentlich an den ersten Definitionsversuchen generativer Kunst beteiligt. Den apparativen Voraussetzungen des fotografischen Bildes ging die Wiener Kuratorin und Fotohistorikerin Ruth Horak am Beispiel Richard Kriesches nach. An Kriesches Arbeit What you see is what you get von 1989, für die die Aufzeichnung von Satellitenbildern Verwendung fand, entfaltete sie die grundsätzliche Ko-Autorschaft der für die technischen Bilder zum Einsatz kommenden Apparate und Verfahren. Die Sektion wurde mit einem von Ruth Horak und Jana Sehnert moderierten Künstlergespräch geschlossen. Auf dem Podium zugegen waren Adrian Sauer sowie Frieder Nake und Gottfried Jäger, die auf die Entwicklung der frühen Computergrafik und der generativen Fotografie noch einmal aus ihrer persönlichen Perspektive eingingen. Die Tagung wurde durch zwei Ausstellungen begleitet. Nähere Informationen zu den Ausstellungen sind ebenfalls auf dieser Webseite zu finden.
Bilder: © AlexanderMeyer, Cedrik-Vorholt, Henk, Marvin Voelker, Ruxandra, Victoria_Korhammer, 2025